Hinter den Kulissen

„Erst Kopfkino, dann Theater“

Die Saison 2017/18 an der Baseldytsche Bihni ist seit Ende Mai zu Ende, die neue Spielzeit beginnt erst im Herbst. Doch unser Regisseur Tom Müller liegt keineswegs auf der faulen Haut! Er bereitet sich minutiös auf die Proben für das neue Stück vor. Dafür benötigt er viel Fantasie und Übersicht.

 

Tom Müller (hintere Reihe, Zweiter v.l.) mit unserem aktuellen Ensemble

Tom Müller, welches Gefühl überwiegt bei Ihnen: Die Vorfreude auf die nächste Spielzeit oder die Zufriedenheit über die abgeschlossene Saison?

            Ganz klar die Vorfreude. Ich freue mich immer auf die nächste Spielzeit. Natürlich geniesst man auch den Augenblick des Erfolgs. Aber ich freue mich immer auf das, was als nächstes kommt: Was machen wir dann für wilde, anrührende, abenteuerliche Sachen? Mit welcher Geschichte können wir in Zukunft unser Publikum verzaubern?

Theaterbegeisterte Laien könnten denken, dass Sie sich in der Spielzeitpause erholen können…

            Also so sehr habe ich eigentlich gar keine Pause! Ich habe sehr viel zu tun. Und momentan ist eine grosse Spannung in mir. Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit mit dem Ensemble. Eben erst ist die baseldeutsche Fassung unseres nächsten Stücks fertig geworden. Vor ein paar Tagen haben wir sie abgesegnet. Unser Bühnenbildner Robi Pipoz hat sich ebenfalls Gedanken gemacht. Er hat das Bühnenbild bereits entworfen. Nun kann ich dieses Bühnenbild in Gedanken mit dem Text in Einklang bringen. Der Text muss ja genau passen und umgekehrt. Und ausserdem habe ich noch viele Hausaufgaben: Ich muss mich auf die Proben vorbereiten!

Wie müssen wir uns diese Vorbereitungen vorstellen?

            So wie die Schauspieler ihren Text lernen müssen, damit wir überhaupt proben können, so muss ich mich auf die Proben vorbereiten. Das Geheimnis, warum wir in der Liga der Theaterprofis als Laienbühne überhaupt mitspielen können ist ja, dass unsere Schauspieler genau wissen, was sie da tun. Ich erkläre Ihnen nicht nur, was sie in jeder Sekunde tun müssen, sondern auch wie und warum. Die Schauspieler wissen dann, wie die Figur, die sie verkörpern, denkt, fühlt, handelt. Dies ist viel intensiver und komplexer als die meisten Laienspielgruppen arbeiten. Letztlich sollen im Theater Menschen gezeigt werden, wie sie fühlen, leiden, lachen, hassen und lieben…

Über das Ergebnis dürfen wir uns dann jeweils Anfang November freuen, wenn die Baseldytschi Bihni mit der Premiere in eine neue Saison startet. Bis dahin bereiten Sie sich minutiös auf die Proben vor. Wie intensiv ist diese Zeit für Sie?

            Die Vorbereitungen sind sehr aufwendig. Grundsätzlich stelle ich mir jede Szene mindestens so oft vor wie Figuren darin vorkommen. Ich gehe die Szene also immer wieder aus einem anderen Blickwinkel durch und stelle mir vor, wie jede einzelne Figur diesen Augenblick erlebt. Da stelle ich mir diverse Fragen aus Sicht der Figuren: Warum sage ich das nun? Wie sage ich es der anderen Figur? Wo befinde ich mich in diesem Augenblick? Wie fühle ich mich in diesem Moment? Wie ist meine Befindlichkeit gegenüber meinem Bühnenpartner? – Das klingt nun vielleicht nach einer trockenen und theoretischen Arbeit, aber es macht wahnsinnig viel Spass, wenn man es mag. Und ich mag es sehr!

Was ist der Reiz an dieser Vorbereitungszeit?

            Für mich ist es wie ein spannendes Kopfkino! Die einzelnen Szenen spielen sich in meinen Gedanken ab – immer und immer wieder. Dazu sitze ich entweder am Computer oder auch mal mit Kugelschreiber und Notizblock gemütlich im Liegestuhl. Ich spreche die Dialoge dabei zwar nicht laut vor mich hin, aber ich stelle mir alles im Detail vor. Wie viel Liebe, wie viel Grausamkeit, wie viele Emotionen stecken in dieser oder jener Szene? Für mich kann das gar nicht langweilig sein! Denn dieses Kopfkino ändert sich ständig, da ich alle Möglichkeiten abwäge und vor meinem geistigen Auge ausprobieren kann.

Gönnen Sie sich denn gar keine Ferien?

            Doch, ich gönne mir schon immer wieder eine kleine Auszeit. Wir haben beispielsweise ein Haus mit einem riesigen Garten, wo ich gut ausspannen kann. Ausserdem fahren wir immer wieder mal weg. Aber eigentlich kann ich die Proben kaum erwarten. Denn wir haben ein neues Stück, ein neues Bühnenbild und neue Schauspieler. Da dürfen wir uns auch auf ein junges Pärchen freuen…

Im Übrigen kann ich grundsätzlich gut abschalten. Das war noch nie mein Problem. Früher hatte ich eher Schwierigkeiten anzuschalten. Ich war nämlich nicht immer so fleissig und habe mich so minutiös vorbereitet. Da war ich eher ein Spätentwickler. Aber besser spät als nie…!

(Das Interview führte Matthias Steiger)